Die Architektur der Mehrarbeit
- dne.partners

- 2. Feb.
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.. und die Lüge vom faulen Deutschland
von Dirk Neubauer
Die Dynamik der Arbeitszeit in der Bundesrepublik Deutschland stellt ein komplexes Geflecht aus tariflichen Vereinbarungen, betrieblichen Realitäten und individuellen Belastungsgrenzen dar. In einer Ära, die durch den demografischen Wandel und einen sich verschärfenden Fachkräftemangel geprägt ist, gewinnt die Analyse der tatsächlich geleisteten Arbeit gegenüber der rein vertraglich fixierten Zeit an signifikanter Bedeutung. Unsere Recherche widmet sich der detaillierten Quantifizierung und Qualifizierung von Mehrarbeit, wobei ein besonderes Augenmerk auf der Diskrepanz zwischen bezahlten Überstunden, unbezahlter Mehrarbeit und jenen Zeitanteilen liegt, die sich einer offiziellen statistischen Erfassung als Überstunden entziehen. Fakt ist: Die Deutschen leisteten 2024 Überstunden im Gegenwert von 750.000 Vollzeitjobs. Ein Grossteil davon unbezahlt.

Basis dieser Analyse sind die umfassenden Daten der IAB-Arbeitszeitrechnung (IAB-AZR) sowie ergänzende Erhebungen des Statistischen Bundesamtes und des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), die ein differenziertes Bild der deutschen Arbeitswelt zeichnen.1
Um die Dimensionen der Mehrarbeit korrekt einordnen zu können, ist ein Verständnis des gesamtwirtschaftlichen Rahmens unerlässlich. Im Jahr 2024 unterzog das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) seine Arbeitszeitrechnung einer umfassenden Generalrevision, die im Einklang mit den Revisionen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (VGR) steht.1 Diese Überarbeitung ermöglichte es, Zeitreihen bis in das Jahr 1991 zurückzuverfolgen, ohne methodisch-statistische Brüche befürchten zu müssen.
Die Ergebnisse dieser Revision verdeutlichen, dass das geleistete Arbeitsvolumen aller Erwerbstätigen in Deutschland im Jahr 2023 einen Wert von 61,44 Milliarden Stunden erreichte.1
Diese astronomisch anmutende Zahl verteilt sich auf eine wachsende Anzahl von Erwerbstätigen, wobei die durchschnittliche Jahresarbeitszeit je Erwerbstätigen bei rund 1.335 Stunden lag.1 Interessanterweise zeigt die langfristige Betrachtung, dass die tarifliche oder betriebsübliche Wochenarbeitszeit von Vollzeitbeschäftigten seit 1991 kontinuierlich gesunken ist – von 39,1 Stunden auf 38,2 Stunden im Jahr 2023.1 Dieser nominale Rückgang der Regelarbeitszeit wird jedoch durch eine persistente Praxis der Mehrarbeit konterkariert, die oft außerhalb der klassischen Definition von Überstunden stattfindet.
Komponenten der Arbeitszeitrechnung
Die IAB-AZR basiert konzeptionell auf einer differenzierten Komponentenrechnung, die sowohl die vertraglich vereinbarte Zeit als auch verschiedene Abweichungen davon erfasst. Hierzu zählen neben den bezahlten und unbezahlten Überstunden auch Arbeitszeitkonten, Nebentätigkeiten sowie Ausfallzeiten durch Krankheit, Urlaub oder Kurzarbeit.5 Die Erfassung der Arbeitszeit ist dabei nicht statisch; Verzögerungen bei Datenquellen wie dem Sozio-Oekonomischen Panel (SOEP) führen dazu, dass hochaktuelle Trends oft erst mit einer gewissen Latenz vollumfänglich in die Modellrechnungen einfließen.1
Komponente der Arbeitszeit (Beispielhaft) | Relevanz für das Gesamtvolumen | Statistische Erfassung |
Tarifliche Wochenarbeitszeit | Basisgröße für Vollzeit | Hoch (WSI-Tarifarchiv) |
Bezahlte Überstunden | Unmittelbare Kostenrelevanz | Hoch (Betriebsbefragungen) |
Unbezahlte Überstunden | "Schattenkapazität" | Mittel (SOEP/Mikrozensus) |
Arbeitszeitkonten (Salden) | Flexibilitätspuffer | Steigend (IAB-Stellenerhebung) |
Urlaubs- und Feiertage | Reduktionsfaktor | Dünne Datenlage beim Urlaub |
Quelle: Zusammengestellt nach.1
Quantifizierung der jährlichen Überstundenleistung
Die zentrale Frage nach dem Umfang der jährlich geleisteten Überstunden lässt sich für das aktuelle Berichtsjahr 2024 mit einer Zahl von etwa 1,2 Milliarden Stunden beantworten.2 Dieses Volumen, obwohl im Vergleich zu früheren Jahrzehnten leicht rückläufig, stellt eine massive wirtschaftliche Ressource dar. Um die Größenordnung zu verdeutlichen: Die im Jahr 2024 geleisteten Überstunden entsprechen dem Arbeitsvolumen von mehr als 750.000 Vollzeitstellen.2
Der Rückgang im Zeitverlauf ist bemerkenswert. Lag die durchschnittliche Zahl der Überstunden pro Kopf im Jahr 1970 noch bei 159 Stunden, so sank dieser Wert bis zum Jahr 2022 auf ca. 34 Stunden und erreichte 2024 ein Niveau von rund 28,1 Stunden.9 Experten weisen jedoch darauf hin, dass dieser Rückgang nicht zwingend auf eine Reduzierung der tatsächlichen Arbeitslast hindeutet. Vielmehr hat eine Verschiebung stattgefunden: Klassische Überstunden werden zunehmend durch transitorische Modelle wie Arbeitszeitkonten ersetzt, die in der traditionellen Überstundenstatistik oft nicht in gleicher Weise sichtbar werden.9
Aktuelle Quartalsdaten und Trends
Ein Blick auf die detaillierten Quartalsdaten des IAB für die Jahre 2023 und 2024 offenbart die kurzfristigen Schwankungen und die Verteilung zwischen bezahlten und unbezahlten Anteilen. In den ersten beiden Quartalen 2024 zeigten sich folgende Werte je Arbeitnehmer 5:
Zeitraum | Bezahlte Überstunden (Stunden/Kopf) | Unbezahlte Überstunden (Stunden/Kopf) |
1. Quartal 2023 | 3,6 | 4,6 |
2. Quartal 2024 | 2,7 | 4,2 |
3. Quartal 2024 | 3,3 | 3,9 |
Quelle:.5
Diese Daten verdeutlichen, dass unbezahlte Überstunden pro Kopf systematisch die bezahlten Überstunden übersteigen. Das gesamte bezahlte Überstundenvolumen belief sich im zweiten Quartal 2024 auf 115,7 Millionen Stunden, während das unbezahlte Volumen bei 166,2 Millionen Stunden lag.5 Diese Diskrepanz ist ein strukturelles Merkmal des deutschen Arbeitsmarktes, das weitreichende ökonomische Konsequenzen für die Lohnstruktur und die Kaufkraft der Beschäftigten hat.
Die Ökonomie der unbezahlten Mehrarbeit
Die nachweislich geleistete unbezahlte Mehrarbeit stellt ein Kernproblem der Arbeitsmarktpolitik dar. Im Jahr 2024 wurde mehr als die Hälfte aller Überstunden – exakt 53,6 Prozent – nicht vergütet.2 In absoluten Zahlen bedeutet dies, dass von den 1,2 Milliarden Überstunden etwa 638 Millionen Stunden ohne finanzielle Kompensation erbracht wurden.2 Dieser Trend ist über die letzten 20 Jahre weitgehend stabil geblieben, wobei das Volumen der unbezahlten Arbeit zwar absolut von 952 Millionen Stunden (2003) auf 638 Millionen Stunden (2024) gesunken ist, ihr prozentualer Anteil am Gesamtvolumen jedoch weiterhin dominierend bleibt.2
Auswirkungen auf den effektiven Stundenlohn
Die ökonomische Logik unbezahlter Mehrarbeit ist simpel: Sie führt zu einer signifikanten Reduzierung des effektiven Stundenlohns. Wenn ein Arbeitnehmer mit einer vertraglichen 40-Stunden-Woche faktisch 44 Stunden arbeitet, ohne dass die zusätzlichen vier Stunden vergütet werden, sinkt sein realer Stundenlohn um ca. 9,1 Prozent.
Mathematisch lässt sich der effektive Stundenlohn wie folgt darstellen:
Wobei das Bruttomonatsgehalt, die vertraglichen Stunden und die unvergütete Mehrarbeit darstellt. Für Unternehmen bedeuten diese Stunden eine massive Kostensenkung zu Ungunsten der Belegschaft.2 Der DGB spricht in diesem Zusammenhang von einem "Giftcocktail", da diese Praxis oft mit hoher Arbeitsintensität und gesundheitlichen Risiken einhergeht.12
Verbreitung und Häufigkeit unbezahlter Arbeit
Laut dem DGB-Index Gute Arbeit arbeiten 44 Prozent der Beschäftigten in Deutschland durchschnittlich länger als vertraglich vereinbart.2 Die Intensität dieser Mehrarbeit variiert stark:
Regelmäßigkeit: 15 Prozent der Beschäftigten leisten "sehr häufig" oder "oft" unbezahlte Arbeit außerhalb ihrer normalen Arbeitszeit.2
Gelegentliche Mehrleistung: Insgesamt geben 40 Prozent der Arbeitnehmer an, zumindest gelegentlich unentgeltlich für ihren Betrieb tätig zu sein.2
Intensität: Jede(r) Vierte leistet pro Woche mehr als fünf Überstunden.2
Gesundheitsgefährdung: Bei jedem zehnten Vollzeitbeschäftigten verlängert sich die Arbeitszeit durch Überstunden auf mehr als 48 Stunden pro Woche, was arbeitsmedizinisch als kritischer Grenzbereich für die Gesundheit gilt.8
Die Verteilung der Mehrarbeit folgt keinem einheitlichen Muster über alle Wirtschaftszweige hinweg. Vielmehr zeigen sich deutliche Belastungsspitzen in Sektoren mit hohen Verantwortungsgraden oder strukturellem Personalmangel. Nach Daten des Statistischen Bundesamtes für das Jahr 2024 leisteten rund 4,4 Millionen Arbeitnehmer Mehrarbeit, was einem Anteil von 11 Prozent der 39,1 Millionen abhängig Beschäftigten entspricht.3
Spitzenreiter der Mehrbelastung
Besonders ausgeprägt ist die Mehrarbeit in der Finanz- und Versicherungsbranche sowie in der Energieversorgung. In diesen Bereichen gaben 17 Prozent bzw. 16 Prozent der Arbeitnehmer an, im Jahr 2024 Mehrarbeit geleistet zu haben.3 Diese Branchen sind oft durch Projektarbeit und enge Terminketten gekennzeichnet, was die Akkumulation von Überstunden begünstigt.
Im krassen Gegensatz dazu stehen Dienstleistungsbereiche wie das Gastgewerbe (6 Prozent) oder einfache wirtschaftliche Dienstleistungen wie Reinigung und Wachschutz (8 Prozent).3 Hier scheinen striktere Schichtpläne oder eine geringere tarifliche Flexibilität die offizielle Mehrarbeit zu begrenzen, wobei Experten hier eine höhere Dunkelziffer bei informellen Absprachen vermuten.
Wirtschaftszweig (WZ 2008) | Überstundenvolumen 2024 (Mio. Std.) | Davon Unbezahlt (Mio. Std.) | Anteil Unbezahlt (%) |
Verarbeitendes Gewerbe | 207,1 | 104,9 | 50,6 |
Gesundheits- und Sozialwesen | 162,7 | 71,5 | 43,9 |
Handel, Instandhaltung, Rep. | 148,5 | 73,2 | 49,3 |
Erziehung und Unterricht | 121,0 | 97,1 | 80,2 |
Freiberufliche/Wiss. Dienstleister | 94,1 | 64,2 | 68,2 |
Quelle: Basierend auf IAB-Daten zitiert in.6
Die Tabelle verdeutlicht ein extremes Ungleichgewicht im Bildungssektor (Erziehung und Unterricht), wo über 80 Prozent der geleisteten Mehrarbeit unbezahlt bleiben. Dies spiegelt die oft unzureichend erfasste Vor- und Nachbereitungszeit von Lehrkräften und pädagogischem Personal wider. Auch im Bereich der hochqualifizierten freiberuflichen und wissenschaftlichen Dienstleistungen ist der Anteil unbezahlter Stunden mit über 68 Prozent überdurchschnittlich hoch, was oft mit dem Konzept der "Vertrauensarbeitszeit" korreliert.
Wöchentliche Mehrarbeit ohne Überstundenwertung: Die unsichtbare Arbeit
Ein wesentlicher Teil der Arbeitsbelastung wird geleistet, ohne dass diese Stunden in den offiziellen Statistiken als "Überstunden" im klassischen Sinne auftauchen. Diese Differenz zwischen der tatsächlich geleisteten und der als Überstunde gewerteten Zeit entsteht durch verschiedene Mechanismen der Arbeitsorganisation.
Kurzzeitkonten und Gleitzeit als "Verschleierungsmechanismus"
Ein primäres Instrument hierfür sind Kurzzeit- oder Gleitzeitkonten. Im vierten Quartal 2023 waren in Deutschland insgesamt 473 Millionen Stunden auf solchen Konten verbucht – ein Anstieg um 150 Millionen Stunden gegenüber 2013.7 Rund 37 Prozent aller Beschäftigten verfügten 2023 über ein solches Konto.7
Der entscheidende Punkt für die Beantwortung der Frage nach nicht gewerteter Mehrarbeit liegt in den sogenannten "Kappungsregeln". Viele Betriebsvereinbarungen sehen vor, dass Zeitguthaben über einer bestimmten Grenze (z.B. 40 oder 50 Stunden) am Monats- oder Jahresende ersatzlos gestrichen werden, wenn sie nicht abgebaut wurden.7 Diese Stunden werden geleistet, tauchen kurzzeitig auf dem Konto auf, verschwinden dann aber, ohne jemals als vergütete oder kompensierte Überstunde gewertet zu werden. Das IAB schätzt, dass diese transitorischen Stunden einen erheblichen Teil der "Schattenarbeitszeit" ausmachen.9
Informelle Vor- und Nachbereitungszeiten
Ein weiteres Feld nicht gewerteter Mehrarbeit sind informelle Tätigkeiten. Das Beispiel der Lehrkräfte in Sachsen verdeutlicht dies: Eine Untersuchung im Schuljahr 2024/2025 ergab, dass Lehrer durchschnittlich 2,5 Überstunden pro Woche leisten, wobei Teilzeitkräfte sogar auf fast vier zusätzliche Stunden kommen.16 Ein großer Teil dieser Arbeit wird für Korrekturen, Vorbereitungen oder Elterngespräche aufgewendet, die oft nicht präzise in Zeiterfassungssystemen abgebildet werden.
Ähnliche Effekte zeigen sich in der Pflege und Kinderbetreuung. Obwohl hier 63 Prozent der Beschäftigten in Teilzeit arbeiten, führen Personalmangel und Dokumentationspflichten dazu, dass Arbeiten oft "zwischen Tür und Angel" oder nach dem offiziellen Dienstende erledigt werden.17 Da diese Tätigkeiten oft als Teil der professionellen Sorgfaltspflicht angesehen werden, erfolgt ihre Meldung als Überstunde häufig nicht, um den bürokratischen Rechtfertigungsaufwand zu vermeiden.
Vertrauensarbeitszeit und die "Entgrenzung"
In Berufen mit Vertrauensarbeitszeit entscheiden die Beschäftigten weitgehend selbst über Beginn und Ende ihrer Tätigkeit. Bis zum wegweisenden Urteil des Bundesarbeitsgerichts (BAG) im Jahr 2022 bestand hier oft gar keine systematische Zeiterfassung, sondern lediglich eine Pflicht zur Dokumentation von Mehrarbeit über acht Stunden hinaus.18
Diese Freiheit führt in der Praxis oft zu einer Selbstausbeutung. Laut DGB leisten Beschäftigte im Homeoffice (die häufiger Vertrauensarbeitszeit nutzen) signifikant mehr Mehrarbeit: 52 Prozent der Homeoffice-Nutzer arbeiten länger als vereinbart, gegenüber 31 Prozent bei Beschäftigten ohne Homeoffice.2 Ein erheblicher Teil dieser zusätzlichen Zeit – oft in Form von spätabendlichen E-Mails oder Vorbereitungen am Wochenende – wird psychologisch nicht als "Überstunde", sondern als notwendige Flexibilität zur Bewältigung des Arbeitspensums verbucht.
Der Einfluss von Arbeitsintensität und Belastungsfaktoren
Die Quantität der Mehrarbeit ist untrennbar mit der Qualität der Arbeitsbedingungen verknüpft. Die Daten des DGB-Index Gute Arbeit zeigen eine klare Kausalität: Je höher der Arbeitsdruck, desto wahrscheinlicher ist das Anfallen von Überstunden.
Zeitdruck und Arbeitshetze
Beschäftigte, die angeben, "sehr häufig" oder "oft" unter Zeitdruck zu stehen, leisten in 37 Prozent der Fälle mehr als fünf Überstunden pro Woche. Fühlen sich Arbeitnehmer hingegen nicht gehetzt, sinkt dieser Anteil auf 16 Prozent.2 Diese Korrelation deutet darauf hin, dass Überstunden in vielen Betrieben nicht als Ausnahme zur Bewältigung von Auftragsspitzen, sondern als strukturelles Kompensationsmittel für eine zu dünne Personaldecke eingesetzt werden.
Arbeitsunterbrechungen und widersprüchliche Anforderungen
Auch die Störungsanfälligkeit der Arbeit spielt eine Rolle. Werden Beschäftigte häufig in ihren Arbeitsabläufen unterbrochen (z.B. durch Telefonate, Kollegen oder technische Probleme), steigt der Anteil derjenigen mit mehr als fünf Überstunden von 19 auf 30 Prozent.2 Der Versuch, die verlorene Zeit durch längeres Arbeiten aufzuholen, führt zu einer Spirale aus Ermüdung und sinkender Effizienz.
Belastungsmerkmal | Anteil mit >5 Überstunden/Woche (%) | Auswirkung auf die Arbeitsqualität (%) |
Häufige Arbeitshetze | 37 | 32 (Abstriche bei Qualität) |
Widersprüchliche Anforderungen | Hoch | 23 (oft/sehr häufig Qualitätsmangel) |
Ständige Unterbrechungen | 30 | Steigendes Fehlerrisiko |
Quelle: Zusammengestellt nach.2
In der Gruppe derjenigen, die keine Überstunden machen, geben nur 19 Prozent an, häufig Qualitätsabstriche machen zu müssen. Bei mehr als fünf Überstunden steigt dieser Wert auf 32 Prozent.2 Mehrarbeit ist somit nicht nur ein zeitliches Problem, sondern ein massives Risiko für die operative Exzellenz und die langfristige Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen.
Soziodemographische und strukturelle Ungleichheiten
Die Last der Mehrarbeit ist in Deutschland ungleich verteilt. Geschlecht, Alter und Beschäftigungsform bestimmen maßgeblich, wer wie viel arbeitet und ob diese Zeit vergütet wird.
Der Gender Gap in der Mehrarbeit
Männer leisten tendenziell häufiger Mehrarbeit als Frauen. 13 Prozent der Männer gegenüber 10 Prozent der Frauen gaben im Jahr 2024 an, über die vertragliche Zeit hinaus gearbeitet zu haben.3 Dieser Unterschied verschärft sich bei der Intensität: 27 Prozent der Männer leisten mehr als fünf Überstunden pro Woche, bei den Frauen sind es 20 Prozent.2
Dieser Befund muss jedoch im Kontext der unbezahlten Sorgearbeit (Care Work) gesehen werden. Während Männer mehr Zeit in der Erwerbsarbeit verbringen, leisten Frauen pro Tag durchschnittlich 1 Stunde und 16 Minuten mehr unbezahlte Arbeit im Haushalt und bei der Betreuung von Angehörigen.20 Der daraus resultierende "Gender Care Gap" von 43,4 Prozent führt dazu, dass Frauen insgesamt (Erwerbs- plus Sorgearbeit) pro Woche etwa eine Stunde mehr arbeiten als Männer.20
Alter und berufliche Stellung
Ein steigendes Alter korreliert oft mit längeren Arbeitszeiten. Während nur 1,5 Prozent der Vollzeiterwerbstätigen im Alter von 15 bis 24 Jahren mehr als 48 Stunden pro Woche arbeiten, liegt dieser Anteil in der Gruppe der 55- bis 64-Jährigen bei 9,3 Prozent.22 Dies spiegelt oft den Aufstieg in Führungspositionen wider. Führungskräfte weisen mit 84,2 Prozent den höchsten Anteil an Arbeitszeitflexibilität auf, was jedoch häufig mit einer impliziten Erwartung zur Mehrleistung erkauft wird.23 Im krassen Gegensatz dazu stehen Berufe wie Anlagen- und Maschinenbediener, die zwar eine geringere Flexibilität (17,1 Prozent), aber oft auch eine präzisere Einhaltung der Arbeitszeitgrenzen aufweisen.23
Rechtliche Rahmenbedingungen und politische Debatten
Das Thema Mehrarbeit ist hochgradig politisiert, insbesondere angesichts der Pläne der Bundesregierung zur "Wachstumsinitiative".
Steuerfreie Überstunden und der "Achtstundentag"
Der Koalitionsvertrag sieht vor, Überstundenzuschläge für Vollzeitbeschäftigte ab 2025 steuerfrei zu stellen, sofern diese über die tariflich vereinbarte Zeit hinausgehen.6 Ziel ist es, finanzielle Anreize zur Ausweitung der Erwerbsarbeit zu schaffen und dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Gewerkschaften und Arbeitsmediziner kritisieren dies als "Giftcocktail", da es die Aufweichung des Achtstundentags befeuern könnte.12
Zudem wird argumentiert, dass eine solche Steuerbefreiung vor allem Männer in Vollzeit begünstigt, während Teilzeitbeschäftigte (zu 68 Prozent Frauen) leer ausgehen würden, solange sie nicht die Vollzeitschwelle überschreiten.6 Die ökonomische Wirksamkeit dieser Maßnahme wird bezweifelt, da sie die Ursachen für Überstunden – nämlich mangelhafte Arbeitsorganisation und Personalmangel – nicht bekämpft, sondern lediglich die Symptome monetär belohnt.
Die Zeiterfassungspflicht als Korrektiv
Durch wegweisende Urteile des EuGH (2019) und des BAG (2022) sind Arbeitgeber in Deutschland nun verpflichtet, Beginn, Ende und Dauer der täglichen Arbeitszeit systematisch zu erfassen.18 Dies gilt ausdrücklich auch für die Vertrauensarbeit. Diese Neuregelung zielt darauf ab, die "Schattenarbeitszeit" ans Licht zu bringen und den Schutz der Beschäftigten vor Überlastung zu stärken. In der Praxis kämpfen viele Betriebe noch mit der Umsetzung, insbesondere im Homeoffice, wo die Grenzen zwischen Erwerbsarbeit und Privatleben verschwimmen.
Zusammenfassende Analyse und Schlussfolgerungen
Die Untersuchung der Mehrarbeit in Deutschland im Zeitraum 2023 bis 2025 verdeutlicht eine persistente Abhängigkeit der deutschen Wirtschaft von unbezahlter und informeller Arbeitsleistung.
Quantität: Mit ca. 1,2 Milliarden Überstunden pro Jahr (2024) leistet die Erwerbsbevölkerung ein Volumen, das über 750.000 Vollzeitstellen entspricht. Dieser Puffer stabilisiert den Arbeitsmarkt kurzfristig, führt jedoch zu einer schleichenden Überlastung.2
Unbezahlte Arbeit: Der nachweislich hohe Anteil unbezahlter Mehrarbeit (53,6 Prozent) stellt eine strukturelle Lohnminderung dar. Besonders betroffen sind der Bildungs- und Gesundheitssektor sowie hochqualifizierte Dienstleistungen.2
Informelle Mehrarbeit: Ein signifikanter Teil der Arbeitsleistung wird durch Kappungsregeln auf Arbeitszeitkonten, unbezahlte Vorbereitungszeiten (z.B. bei Lehrkräften) und die zeitliche Entgrenzung im Homeoffice erbracht, ohne jemals als Überstunde gewertet zu werden. Diese "unsichtbare Arbeit" wird auf 473 Millionen Stunden allein auf Kurzzeitkonten geschätzt.7
Kausalität von Belastung: Überstunden sind in Deutschland primär ein Symptom für Arbeitshetze, häufige Unterbrechungen und widersprüchliche Anforderungen. Sie korrelieren negativ mit der Arbeitsqualität und erhöhen das Risiko für gesundheitliche Langzeitschäden.2
Abschließend lässt sich feststellen, dass eine nachhaltige Arbeitsmarktpolitik nicht allein auf die Ausweitung der Arbeitszeit setzen darf. Vielmehr müssen die Ursachen für die hohe informelle Mehrleistung adressiert werden. Eine strikte Umsetzung der Zeiterfassungspflicht könnte hierbei als Katalysator wirken, um die tatsächlich geleistete Arbeit fair abzubilden und die notwendige Balance zwischen ökonomischer Produktivität und dem Schutz der menschlichen Arbeitskraft wiederherzustellen. Die Transformation zu einer gesünderen Arbeitswelt erfordert eine Abkehr von der "Kultur der unbezahlten Überstunde" hin zu einer effizienteren Arbeitsorganisation und einer gerechteren Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit zwischen den Geschlechtern.
Referenzen
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4,4 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben 2024 Mehrarbeit geleistet - Statistisches Bundesamt, Zugriff am Februar 1, 2026, https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/07/PD25_N038_13.html
Überarbeitung der IAB-Arbeitszeitrechnung im Rahmen der Generalrevision 2024 der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen - EconStor, Zugriff am Februar 1, 2026, https://www.econstor.eu/bitstream/10419/306570/1/1903864488.pdf
IAB-Arbeitszeitrechnung - IAB - Institut für Arbeitsmarkt, Zugriff am Februar 1, 2026, https://iab.de/daten/iab-arbeitszeitrechnung/
Drucksache 21/755 - Deutscher Bundestag, Zugriff am Februar 1, 2026, https://dserver.bundestag.de/btd/21/007/2100755.pdf
Zunehmende Flexibilisierung der Arbeitszeit: Höchststand von 473 ..., Zugriff am Februar 1, 2026, https://doku.iab.de/kurzber/2025/kb2025-12.pdf
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Durchschnittliche Arbeitszeit der Arbeitnehmer*innen und ihre Komponenten 1970 - 2024 - Sozialpolitik aktuell, Zugriff am Februar 1, 2026, https://www.sozialpolitik-aktuell.de/files/sozialpolitik-aktuell/_Politikfelder/Arbeitsbedingungen/Datensammlung/PDF-Dateien/tabIV2.pdf
Durchschnittliche Arbeitszeit der Arbeitnehmer*innen und ihre Komponenten 1970 - 2022 - Sozialpolitik aktuell, Zugriff am Februar 1, 2026, https://www.sozialpolitik-aktuell.de/files/sozialpolitik-aktuell/_Politikfelder/Arbeitsmarkt/Datensammlung/PDF-Dateien/tabIV2.pdf
Es werden so wenige Überstunden wie noch nie geleistet - IAB - Institut für Arbeitsmarkt, Zugriff am Februar 1, 2026, https://iab.de/es-werden-so-wenige-ueberstunden-wie-noch-nie-geleistet/
DGB-Umfrage: 24 Prozent machen mehr als fünf Überstunden pro Woche - DER SPIEGEL, Zugriff am Februar 1, 2026, https://www.spiegel.de/wirtschaft/dgb-umfrage-24-prozent-machen-mehr-als-fuenf-ueberstunden-pro-woche-a-bbaeba8e-9c6e-4d0f-8804-49fcb1984828
Überstunden: Jeder neunte Beschäftigte arbeitet mehr als vereinbart - DER SPIEGEL, Zugriff am Februar 1, 2026, https://www.spiegel.de/karriere/ueberstunden-jeder-neunte-beschaeftigte-arbeitet-mehr-als-vereinbart-a-b037e8d1-b862-4a9f-a039-5bae52273e76
4,6 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben 2023 Mehrarbeit geleistet - Statistisches Bundesamt, Zugriff am Februar 1, 2026, https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2024/08/PD24_N039_13.html
Finanz, Energie, Versicherungen betroffen - Statistisches Bundesamt: Millionen Beschäftigte leisten unbezahlte Überstunden - LEADERSNET.de, Zugriff am Februar 1, 2026, https://www.leadersnet.de/news/91377,statistisches-bundesamt-millionen-beschaeftigte-leisten.html
Lehrerarbeitszeit - So viele Stunden arbeiten Lehrerinnen und Lehrer wirklich, Zugriff am Februar 1, 2026, https://deutsches-schulportal.de/bildungswesen/lehrerarbeitszeit-infografik-so-viele-stunden-arbeiten-lehrerinnen-und-lehrer-wirklich/
Arbeitsmarkt Kinderbetreuung und -erziehung - Statistik der Bundesagentur für Arbeit, Zugriff am Februar 1, 2026, https://statistik.arbeitsagentur.de/DE/Statischer-Content/Statistiken/Themen-im-Fokus/Berufe/Generische-Publikationen/AM-kompakt-Kinderbetreuung-erziehung.pdf
Vertrauensarbeitszeit: Das sollten Arbeitgebende wissen - Factorial, Zugriff am Februar 1, 2026, https://factorialhr.de/blog/vertrauensarbeitszeit/
Überstunden, Mehrarbeit - HENSCHE Arbeitsrecht, Zugriff am Februar 1, 2026, https://www.hensche.de/Ueberstunden_Arbeitsrecht_Ueberstunden.html
Zeitverwendungserhebung 2022 - Statistisches Bundesamt, Zugriff am Februar 1, 2026, https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Einkommen-Konsum-Lebensbedingungen/Zeitverwendung/Ergebnisse/_inhalt.html
Zeitverwendung - Statistisches Bundesamt, Zugriff am Februar 1, 2026, https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Einkommen-Konsum-Lebensbedingungen/Zeitverwendung/_inhalt.html
Überlange Arbeitszeiten - Statistisches Bundesamt, Zugriff am Februar 1, 2026, https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Arbeitsmarkt/Qualitaet-Arbeit/Dimension-3/ueberlange-arbeitszeiten.html
Flexible Arbeitszeiten - Statistisches Bundesamt, Zugriff am Februar 1, 2026, https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Arbeitsmarkt/Qualitaet-Arbeit/Dimension-3/flexible-arbeitszeiten.html
WSI Kommentar Nr. 2, August 2024, Zugriff am Februar 1, 2026, https://www.wsi.de/fpdf/HBS-008926/p_wsi_kommentar_02_2024.pdf





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